„Die AGRANA ist keine fünf Jahre gleich geblieben“

Johann Marihart im Gespräch über seine jahrzehntelange Ära an der Spitze der AGRANA, sein Engagement in der IV und sein neues Leben im Ruhestand. 

Mit Ende Mai 2021 haben Sie die AGRANA nach fast 30 Jahren als Vorstandschef verlassen. Wie geht es Ihnen nun im wohlverdienten Ruhestand?

Vom Ruhestand habe ich noch nicht so viel gemerkt. In die letzten Monate fielen noch in die Vorbereitungen für die Hauptversammlung und die Bilanz-Pressekonferenz. Ich habe auch einige Aufsichtsratsmandate, für die im Juni traditionell Bilanzsitzungen stattfinden, und ich bin nach wie vor Obmann des Fachverbands der Lebensmittelindustrie.

In großen Unternehmen wechseln die Vorstände meist alle paar Jahre. Sie waren europaweit einer der längst dienenden CEOs eines börsennotierten Unternehmens. Was hat Sie dazu bewegt, der AGRANA so lange treu zu bleiben?

Ich halte es für einen Fehler, einen allzu häufigen Vorstandswechsel zu machen. Dadurch wird es schwer möglich, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu erleben – im positiven wie im negativen Sinne. Die AGRANA hat sich mindestens alle fünf Jahre verändert und es gab immer spannende Themen: Die Gründung, die Ostöffnung, der EU-Beitritt, der Aufbau des Standorts Pischelsdorf, das Ende der Zuckerquote oder zuletzt die Klimastrategie.

Unter Ihrer Leitung wurden in der AGRANA drei Segmente geschaffen: Frucht, Stärke und Zucker. Bei solchen strategischen Weichenstellungen kann auch viel schiefgehen – warum war Ihnen diese Diversifikation wichtig?

Es gab immer die Diskussion, was passiert, wenn die Zuckerquoten fallen. Daher waren die Diversifikation und die Geldbeschaffung über die Börse wichtig. Natürlich ist so etwas riskant und man weiß auch, dass neun von zehn Diversifikationen nicht so richtig funktionieren. Wir haben uns daher genau überlegt, wo unsere Stärken liegen – und zwar in der Verarbeitung von agrarischen Rohstoffen. So kamen wir auf das Thema Frucht.  

Auf welche Erfolge als AGRANA-Chef sind Sie besonders stolz?

Darauf, dass wir in der Lage waren, politische Entwicklungen vorauszuahnen. Wir waren sehr gut auf den EU-Beitritt vorbereitet. Es war gut, dass die AGRANA auf drei Beinen gestanden ist, denn so konnte eines vielleicht kurz hinken, aber wir sind immer erfolgreich geblieben. Besonders stolz bin ich auch auf das Werk in Pischelsdorf, denn so eine Chance auf einen Neubeginn hat man als Manager selten. Heute sind dort rund 250 Leute beschäftigt.

Gab es auch Rückschläge?

Wahrscheinlich das Ende der Zuckerquote im Jahr 2017, aber auch davon hat sich die AGRANA mittlerweile erholt. Wir wollten auch einmal die Salinen Austria AG kaufen, aber da sind uns Hannes Androsch und die Raiffeisenlandesbank OÖ zuvorgekommen. Aus jedem Rückschlag lässt sich aber auch etwas lernen und außerdem kann man das Geld ja nur einmal ausgeben. Da wir die Salinen Austria AG nicht gekauft haben, konnten wir das Fruchtsegment ausbauen.

Dass die letzten 1,5 Jahre Ihrer Amtszeit von einer Pandemie geprägt waren, damit hätte wohl niemand gerechnet. Wie ist die Agrana bislang durch die diese Zeit gekommen?

Wie alle anderen haben wir im Verwaltungsbereich Home-Office ermöglicht und im Produktionsbereich die Schichten separiert. Die Produktion war jederzeit aufrecht. Bei der Geschäftslage gab es keinen wesentlichen Einbruch. Im Frühjahr 2020 haben wir sogar von den Hamsterkäufen profitiert, wobei die Logistik natürlich herausfordernd war. Im Fruchtbereich haben wir die Touristikflaute und die Gastroschließung zu spüren bekommen, da weniger Getränke konsumiert wurden. Der Stärkeabsatz entwickelte sich gut, weil viel mehr Verpackungsmaterial, insbesondere Wellpappe und Kartonagen, gebraucht wurde. Insgesamt ist der aktuelle Umsatz mit dem Vorkrisenniveau vergleichbar.

Von 2007 bis 2015 waren Sie Präsident der IV-NÖ. Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken, was fällt Ihnen als Erstes ein?

Ich empfand das als große Ehre und kann mich noch gut daran erinnern, als mich Norbert Zimmermann gefragt hat, ob ich das machen möchte. Dieses Amt hat viel Zeit beansprucht, war aber immer sehr interessant. Die Arbeit für die IV hat mir den Blick für industrielle Tätigkeit geweitet. Und ich habe den Schulterschluss mit der Wirtschaftskammer NÖ geschätzt, weil man gemeinsam mehr erreichen kann.

Wenn Sie demnächst etwas mehr Freizeit haben, was werden Sie dann tun?

Ich freue mich darauf mehr Zeit für die Familie und die Gartenarbeit. Und ich freue mich auf Kulturveranstaltungen, die mir in den vergangenen eineinhalb Jahren schon abgegangen sind.  

 

Zur Person: 
Johann Marihart startete nach Abschluss des Studiums der Technischen Chemie in Wien seine Karriere 1975 in der Zuckerfabrik Leopoldsdorf und stieg ein Jahr später in die Kartoffelstärkefabrik in Gmünd der damaligen Österreichischen Agrar-Industrie GmbH ein. Im Zuge der Fusion mit der neustrukturierten Zuckerindustrie wurde er 1988 Mitglied im Gründungsvorstand der AGRANA Beteiligungs-AG. Als deren Vorstandsvorsitzender gestaltete er die AGRANA ab 1991 entscheidend mit: von der Expansion des anfangs nationalen Zucker- und Stärkeproduzenten nach Öffnung der Grenzen ab 1990 nach Zentral- und Osteuropa, dem Börsegang 1991, bis hin zur Diversifizierung mit Bioethanol und Weizenstärke sowie in den Bereich Frucht und damit zu einem weltweit tätigen Veredler von zehn Millionen Tonnen agrarischer Rohstoffe. Von 2007 bis 2015 engagierte sich Johann Marihart als Präsident der Industriellenvereinigung Niederösterreich.