„Das Wasserstoffwerk macht uns zukunftsfit“

Timo Snoeren, Geschäftsführer der Worthington Cylinders GmbH, über die Lebensqualität im Mostviertel, die Bedeutung von neuen Technologien für ein Traditionsunternehmen und das Geheimnis hinter der hohen Mitarbeiterzufriedenheit in seinem Betrieb.

Nach mehreren beruflichen Stationen im Ausland sind Sie nun seit 2018 Geschäftsführer von Worthington Austria. Wie ist Ihr Start bei dem Mostviertler Traditionsunternehmen verlaufen?

Ich begann bereits 1999, im Alter von 26 Jahren, bei Worthington in Kienberg als Verkäufer von Hochdruckstahlflaschen in die Benelux-Länder. Nach verschiedenen Stationen innerhalb des Konzerns kam ich im Frühjahr 2018 wieder nach Kienberg zurück, und zwar als Geschäftsführer der Werke in Österreich, Polen und Deutschland. Seit Juni dieses Jahres bin ich als Vice President für das weltweite Geschäft des neuen Worthington Segments „Sustainable Energy Solutions“ zuständig.

Das klingt, als hätten Sie sich bereits sehr gut eingelebt.

In Holland geboren, in Großbritannien studiert und gearbeitet, war Internationalität bei mir von Beginn an in meiner beruflichen Laufbahn gegeben. Ich lernte meine Frau, eine gebürtige Gamingerin, in Großbritannien kennen. Sie war somit mein erster Kontakt zum Mostviertel. Die Lebensqualität, die wir hier genießen dürfen, ist extrem hoch. Ich bin überzeugt, dass meine Kinder hier besser aufwachsen als in jedem Ballungsraum.

Durch die Coronakrise stieg der weltweite Bedarf an Sauerstoffflaschen. Inwiefern haben Sie das bei Worthington gespürt?

Worthington Kienberg hat während der Coronakrise produktabhängig beide Seiten der Medaille erlebt: Einerseits spürten wir beim Umsatz unserer Erdgastanks die europaweiten vorübergehenden Werksschließungen in der Automobilindustrie. Andererseits stieg der Bedarf an medizinischen Sauerstoffflaschen für Krankenhäuser enorm. Nur durch eingespielte Teamarbeit ist es uns gelungen, die Produktion sehr kurzfristig auf den gestiegenen Bedarf an Sauerstoffflaschen umzuplanen. Das Coronajahr 2020/2021 war für uns – den Umständen entsprechend – gut. Es hat uns gezeigt, wie fokussiert, aber auch wie flexibel wir als Firma sind.

Die in Kienberg erzeugten Stahlfalschen haben eine Exportrate von 98 Prozent. Was sind die wichtigsten Exportmärkte?

In etwa zwei Drittel unserer Flaschen werden innerhalb Europas ausgeliefert, wobei Deutschland, Großbritannien und Spanien den größten Anteil haben. Weiters sind Australien und auch die USA wichtige Märkte. Wir exportieren in circa 80 Länder weltweit – eine Strategie, die sich besonders in Krisenzeiten oder Rezessionen bezahlt macht. Breit aufgestellt zu sein ist in solchen Situationen von Vorteil.

Im Vorjahr hat Worthington um zehn Millionen Euro ein neues Werk für Kunststoffbehälter für Wasserstoff und Erdgas errichtet. Was war die Strategie dahinter?

Das Wasserstoffwerk macht uns in jeder Hinsicht zukunftsfit, denn es erweitert unsere Produktpalette immens. Unsere Composite-Druckbehälter sind sehr leichte Kunststoffbehälter mit Kohlefaserverstärkung, die sehr hohem Druck standhalten. Sie werden vorwiegend in Wasserstoff-betriebenen LKWs, Bussen und Zügen eingesetzt. Unser Ziel ist es, in jeglicher Hinsicht am Puls der Zeit zu sein und mit unserem Lösungsangebot die Bedürfnisse unserer Kunden bereits vorauszusehen.

Worthington wurde mehrmals in Folge als „Great Place To Work“ ausgezeichnet. Was ist das Geheimnis hinter dieser hohen Mitarbeiterzufriedenheit?

Das Geheimnis ist, dass man sich nie auf seinen Lorbeeren ausruhen darf, sondern man sollte immer die Überzeugung pflegen, dass man noch besser werden kann. Im Wesentlichen tragen zu unseren Erfolgen bei „Great Place to Work“ folgende Traditionen bei: Erstens, wir beziehen unsere Mitarbeiter in Entscheidungen ein und kommunizieren sehr offen zwischen allen Ebenen. Zweitens, auch der richtige Umgang mit Fehlern und die Förderung der beruflichen Entwicklung werden bei uns großgeschrieben. Drittens, die Glaubwürdigkeit von Information und Kommunikation sind ebenfalls Bestandteil unseres Alltags – wir lassen Worten Taten folgen.

Wenn Sie drei Dinge am Industriestandort Niederösterreich ändern könnten, was würden Sie tun?

Die Wirtschaft Niederösterreichs zeichnet sich durch überdurchschnittlich hohe Wachstumsraten, einen Fokus auf Technologie und Innovation und eine ausgeprägte Exportorientierung aus. Dieser Vorsprung ist definitiv in Gefahr, wenn wir nicht auf neue Technologien und Trends schnell und effektiv reagieren. Wasserstoff ist für Worthington der neue Zukunftstrend und wir fordern die Politik auf, auf diesen Zug aufzuspringen. Konkret: Der Bau eines Wasserstoffclusters und der Ausbau einer Wasserstoffinfrastruktur, wie H2-Gastankstellen, sollte gefördert werden. Aber auch die Bildung sollte in Bereichen wie Brennstoffzellentechnologie, Carbon Faser oder Elektrolyse nachziehen. 

Über das Unternehmen
Seit mehr als zwei Jahrhunderten wird am Standort Kienberg Metall für die Automobilindustrie geformt – von Achsen für Kutschen bis hin zu Bordbetankungssystemen für alternativ betriebene Fahrzeuge. 
Heute verarbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jährlich 27.000 Tonnen Stahl, vor allem für Druckbehälter für Industrieanwendungen und Medizintechnik. Das entspricht 2,5 Eiffeltürmen. Insgesamt sind in Kienberg rund 400 Beschäftigte tätig, die aus 18 unterschiedlichen Nationen kommen. Der gebürtige Niederländer Timo Snoeren ist seit 2018 Geschäftsführer von Worthington Cylinders Austria und leitet die Sustainable Energy Solutions Division der Worthington Gruppe.