„Wir brauchen ein großes Leitbild für die Energiezukunft“

Stefan Szyszkowitz, Vorstandssprecher der EVN, im Gespräch über die hohen Energiepreise, Versorgungssicherheit sowie die Chancen und Grenzen durch alternative Energiequellen. 

Wir erleben eine noch nie da gewesene Kostenexplosion bei den Energiepreisen. Die EVN muss auch selbst Strom zukaufen – was bedeutet das für Sie in der aktuellen Preissituation?

Im Gesamtkonzern haben wir 20 Prozent des Stroms aus Eigenerzeugung, in Niederösterreich liegt die diese Quote bei 40 bis 50 Prozent. Den Rest müssen wir zukaufen. Als Wiederverkäufer sind wir natürlich von den Preissteigerungen betroffen. Unser Expertinnen und Experten versuchen, die Energieaufbringung so zu optimieren, dass wir den Anstieg nur so gering wie möglich an die Endkunden weitergeben müssen. Der bisherige Marktmechanismus – das Merit-Order-Prinzip – hat lange für einen gut funktionierenden Markt gesorgt, stößt aber jetzt an seine Grenzen. Im Mai hat die EU-Regulatoren-Konferenz beschlossen, dass das Merit-Order-Prinzip bleiben soll, aber es können andere, temporäre Ausgleichsmaßnahmen angewendet werden, um die hohen Preise abzufedern.  

„Während Europa noch im Lockdown war, hat China große Kohlebestände aufgekauft“

Die Preissteigerungen sind nicht allein auf den Ukraine-Krieg zurückzuführen. Was sind die weiteren Gründe und wie wird die Preisentwicklung weiter gehen?

Weitere Gründe sind die CO2-Bepreisung und der Umbau des Energiesystems, allen voran gekennzeichnet durch den Ausstieg Deutschlands aus Kernkraft und Kohle. Und während in Europa noch Lockdown war, hat China weltweit große Kohlebestände aufgekauft. Die fehlenden Reserven haben auch den Preisanstieg befeuert. Wir gehen davon aus, dass die Energiepreise zumindest bis 2023 auf diesem hohen Niveau bleiben werden. Erst danach wird sich die Lage entspannen, aber das Vorkrisenniveau werden wir nicht mehr erreichen – der Umbau der Infrastruktur in Richtung einer erneuerbaren Energiezukunft ist dafür ein wesentlicher Faktor.

„Das Vorkrisenniveau werden wir nicht mehr erreichen – dafür ist allein der Ausbau der Erneuerbaren Energie zu teuer“
Unter den Unternehmen herrscht große Verunsicherung darüber, was im Falle eines Energielenkungsverfahrens aufgrund eines Gas-Stopps passieren wird. Was können Sie diesen Betrieben raten?

Die gute Nachricht zuerst: Mit jedem Tag des Sommers werden die Auswirkungen geringer, weil mehr Gas eingespeichert wird. Bis 1. November wird es eine strategische Gasreserve geben. Industriebetriebe haben auch die Möglichkeit, eigene Gasvorräte einzulagern. Sollte es zu einem Energielenkungsfall kommen, werden die Unternehmen informiert, ob und in welchem Ausmaß sie weiterhin Zugang zu Gas erhalten. Konkrete Ratschläge sind schwierig, weil niemand weiß, welche Szenarien eintreffen werden – also ob es tatsächlich zu einem Gas-Stopp oder nur zu einer Drosselung kommt und welcher Zeitraum betroffen wäre. Es macht jedenfalls Sinn, sich vorab bei seinem Energieversorger oder auch direkt bei einem Speicherunternehmen zu informieren. Wir sollten die aktuellen Weichenstellungen auf jeden Fall bestmöglich nutzen – um gemeinsam zu einem Stabilitätspakt für die Energieversorgung zu kommen. Es braucht ein großes Leitbild für die Energiezukunft und dafür gibt es keinen besseren Zeitpunkt als jetzt.  

„Die gute Nachricht: Mit jedem Tag wird mehr Gas eingespeichert“
Aktuell wird auch Biomasse als Lösung gesehen, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren. Welches Potenzial sehen Sie in dieser Form der Energiegewinnung?

Die EVN hat eine über 20-jährige Tradition in der Nutzung von Biomasse für Raumwärme und Verstromung. Insbesondere in Ballungsräumen kann Biomasse eine gute Alternative sein. In Krems errichten wir gerade so eine Anlage, in der wir Strom für 15.000 und Naturwärme für 30.000 Haushalte erzeugen werden und die damit einen wichtigem Beitrag zur Dekarbonisierung leisten wird. Biomasse allein kann ausländisches Gas aber nicht ersetzen. Es braucht einen breiteren Mix aus Energiequellen und vor allem Technologieoffenheit. Im Vordergrund müssen immer die Verfügbarkeit und die Effizienz stehen. 

„Es braucht einen breiteren Mix aus Energiequellen und vor allem Technologieoffenheit.“
Immer mehr Industriebetriebe erzeugen Strom durch betriebseigene PV-Anlagen und möchten selbst ins Stromnetz einspeisen. Welche Möglichkeiten gibt es dafür?

Jede Form von Eigenstromerzeugung ist wertvoll. Die Einspeisung von Fotovoltaik ins Netz hat allerdings ihre Grenzen. Schließlich produzieren alle Anlagen im gleichen Zeitraum – und das ist eine enorme Herausforderung für die Netzinfrastruktur sowie die im Hintergrund laufende IT-Infrastruktur. Bereits jetzt hängen rund 52.000 PV-Anlagen im Netz der EVN und wir haben allein heuer bisher über 20.000 Kundenanfragen betreffend Errichtung neuer PV-Anlagen. Auf die Schnelle kann Photovoltaik nicht die alleinige Lösung sein, zumal die Paneele und Gewerke nicht immer sofort verfügbar sind und die Netze weiter ausgebaut werden müssen. In der Kombination mit anderen Energiequellen und auch mit zunehmend besseren Speichern, wird Photovoltaik aber natürlich immer wichtiger – ebenso wie die Beratung dazu.

„Bereits jetzt hängen rund 52.000 PV-Anlagen im Netz der EVN und wir haben allein heuer weitere 20.000 Anfragen“
Stefan Szyszkowitz startete seine Karriere unter anderem als IV-Trainee und ist seit 1993 für die EVN tätig. 2011 wurde er in den Vorstand der EVN AG berufen und im Jahr 2017 zum Sprecher des Vorstands ernannt. Seine Bestellung läuft bis Jänner 2026. Der studierte Jurist ist verantwortlich für die Segmente Energie und Südosteuropa sowie unter anderem für die Konzernfunktionen Controlling (inkl. Investor Relations), Customer Relations, Finanzwesen, Kommunikation und Personalwesen.
 
Die EVN ist der führende Energieversorger in Niederösterreich, mit Hauptsitz in Maria Enzersdorf. Das börsennotierte Unternehmen bietet Strom-, Gas-, Wärme-, und Trinkwasserversorgung sowie Abwasserentsorgung und thermische Abfallverwertung. Insgesamt ist die EVN Gruppe in 14 Ländern tätig und beschäftigt über 7.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.