„Hidden Champions werden zu wenig wahrgenommen“

Dr. Marietta Ulrich-Horn über Etiketten gegen Produktfälschungen, Frauen in Familienbetrieben und die anstehende Betriebsübersiedelung im Herbst.

Dr. Marietta Ulrich-Horn leitet das Unternehmen seit 2003. Credit: Securikett Ulrich & Horn GmbH

Was produziert die Securikett Ulrich & Horn GmbH – und wo kommt man im Alltag mit diesen Produkten in Kontakt?
Wir produzieren Etiketten und Software, um Originalprodukte von Fälschungen zu unterscheiden sowie um den Weg von Originalprodukten in der Lieferkette zu verfolgen. Beispiele sind manipulationssichere Etiketten auf Medikamentenschachteln, Verifikationscodes auf Produkten, die echte Swarovski-Kristalle enthalten oder die Barcode-Etiketten, die die Post verwendet, um Pakete nachzuverfolgen.

Welche Rolle spielt Export für Ihr Unternehmen und was sind Ihre wichtigsten Absatzmärkte?
Unsere Exportquote beträgt 80 Prozent. Der größte Exportmarkt ist China, weil dort die Fälschungsproblematik am größten ist.

Ihr Unternehmen war mit der Marke Codikett eines der ersten, das eine Unterstützung aus dem Industrie 4.0-Fördertopf des AWS erhalten hat. Um welches Projekt ging es da?
Die Grundidee von Codikett ist, dass Produkte einzelne Sicherheitscodes enthalten – sozusagen wie eine „kleine Geburtsurkunde“. Jedes Glied der Lieferkette hat Zugriff auf diese Qualitätsdokumente, die Wertschöpfungsketten werden quasi digital miteinander verbunden.

Welche Rolle spielt Forschung und Entwicklung in Ihrem Betrieb?
Eine sehr große Rolle – dieser Bereich wird auch von mir persönlich geleitet. Forschung und Entwicklung passiert bei uns auf verschiedenen Ebenen: als Antwort auf Kundenanforderungen, im Antizipieren vom Marktbedarf, im Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten, die die Technologie bietet sowie, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wir haben auch einige Patente angemeldet und erhalten Förderungen von der FFG.

Wie wichtig ist für einen Betrieb wie ihren die Erhöhung der Forschungsprämie?
Das war für uns sehr wichtig, weil Forschung immer mit Risiko und Kosten verbunden ist. Die Forschungsprämie ist auch leicht abzurechnen, nur der Dokumentationsaufwand ist leider sehr hoch. 

Im Oktober dieses Jahres wechselt Ihr Unternehmen von Wiener Neudorf nach Münchendorf. Warum gerade dorthin?
Der Grund für den Wechsel war, dass wir in Wiener Neudorf keinen Platz für weitere Entwicklungen gehabt hätten. Außerdem wollen wir unseren internationalen Kunden ein repräsentatives Gebäude vorweisen, dass alle Sicherheitsstandards erfüllt. Münchendorf ist nur zehn Kilometer entfernt, und die geringe Distanz war uns wichtig, weil wir gute Mitarbeiter haben und dieses Know-How nicht verlieren möchten. Wir haben bei verschiedenen Gemeinden in der Umgebung angefragt, und Münchendorf hatte eine sehr positive und professionelle Haltung gegenüber Betriebsansiedelungen.

In dieser Interview-Serie kommen nur selten Frauen zu Wort. Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe dafür und wo sollte man am dringendsten ansetzen, damit sich das ändert?
Ich bin die Tochter eines Unternehmers, das hat mir geholfen. So konnte ich zehn Jahre lang wertvolle Erfahrung als Geschäftsführerin der Firma Ulrich Etiketten sammeln. Zudem habe ich ein Executive-MBA-Programm absolviert, um besser für die globale Ausrichtung unseres Unternehmens gerüstet zu sein. Wenn es um Familienbetriebe geht, kann ich nur sagen: Vielleicht sollte man mehr auf die Töchter setzen. Außerdem wäre es gut, wenn bei dem aktuellen „Gründerhype“ auch mehr Frauen mit Unternehmertum in Kontakt gebracht werden würden – eventuell durch gezielte Ansprache.

Bekommen Sie im Industrieviertel den Fachkräftemangel zu spüren?
Ja, am meisten im Bereich IT- und Software-Engineering. Daher regen wir bestehende Mitarbeiter auch gerne zu IT-Ausbildungen an. Wir haben außerdem einige Beschäftige mit Migrationshintergrund, die in ihren Herkunftsländern eine technische Ausbildung absolviert haben – darauf können wir ganz gut aufbauen.

Wenn Sie drei Dinge am Standort Niederösterreich ändern könnten, was würden Sie tun?
Erstens bräuchten wir mehr Fachausbildungen für IT-Berufe. In Graz ist das Angebot an Software-Entwicklern größer. Außerdem sollten die jungen Menschen in der Schule mehr informiert werden, wo die Zukunftsbranchen liegen. Jugendliche sollten sich mehr in die digitale Welt hineintigern – damit meine ich aber nicht Computerspiele. Zweitens könnte die Verkehrsanbindung zwischen Wiener Neudorf und Wien besser sein. Die Badener Bahn ist langsam, auch die Busanbindung an den Bahnhof Mödling ist nicht optimal. Wir bräuchten mehr Zubringerbusse – das wäre auch für die Schichtarbeit sehr wichtig. Drittens gibt es leider zu wenig Bewusstsein über die globale Rolle der niederösterreichischen Industrie. „Hidden Champions“ wie wir werden in der Öffentlichkeit leider nicht ausreichend wahrgenommen.

 

Securikett Ulrich & Horn GmbH
Das Familienunternehmen mit Sitz im IZ NÖ Süd in Wiener Neudorf wurde im Jahr 2001 gegründet und ist weltweiter Technologieführer im Bereich der fälschungssicheren Etiketten. Im Oktober 2017 soll ein neues, größeres Firmenareal in Münchendorf bezogen werden. Derzeit beschäftigt das Unternehmen rund 50 Mitarbeiter, bei einem Umsatz von acht Millionen Euro. Dr. Marietta Ulrich-Horn leitet das Unternehmen mit ihrem Mann Werner Horn seit dem Jahr 2003, davor war sie zehn Jahre lang Geschäftsführerin des Wiener Unternehmens Ulrich Etiketten GmbH.

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