Konjunkturumfrage

NÖ Industrie: Höhepunkt des Aufschwungs erreicht

Im zweiten Quartal 2021 hat sich der Konjunkturaufschwung der NÖ Industrie fortgesetzt. Für die zweite Jahreshälfte sind die Unternehmen wieder pessimistischer gestimmt.

„Der Höhepunkt des konjunkturellen Aufschwungs dürfte jetzt wohl erreicht worden sein“, sagt Thomas Salzer, Präsident der Industriellenvereinigung NÖ (IV-NÖ) anlässlich der Ergebnisse der IV-NÖ-Konjunkturumfrage. Das IV-NÖ-Konjunkturbarometer, mit dem das Geschäftsklima als Mittelwert zwischen der Beurteilung der aktuellen und der Geschäftslage in sechs Monaten erfasst wird, ist im zweiten Quartal 2021 von +30,6 auf +32,0 Punkte leicht gestiegen.

Zum dritten Mal seit Beginn der Coronakrise überwiegen damit die positiven Einschätzungen unter den NÖ Industrieunternehmen. Auch die Detailergebnisse der Befragung, an der dieses Mal 35 Unternehmen mit insgesamt 15.272 Beschäftigten teilgenommen haben, fallen durchaus optimistisch aus – einzig die Prognosen für die zweite Jahreshälfte haben sich leicht eingetrübt.

Unternehmen rechnen mit Verschlechterungen ab Herbst

„Die Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht, Sicherheitskonzepte umgesetzt und wo es möglich war auch betriebliche Impfstellen eingerichtet. Damit die Infektionszahlen nicht weiter steigen und der Aufschwung im Herbst nicht abbricht, muss die Durchimpfungsrate noch weiter erhört werden“, so Salzer.

IV-NÖ-Präsident Thomas Salzer
Foto: Andi Bruckner



Dass nun etwas mehr Unternehmen mit einer leichten konjunkturellen Verschlechterung im Herbst rechnen, belegen die Detailergebnisse der Konjunkturumfrage: Bei der Geschäftslage in sechs Monaten sank der Bewertungssaldo von +18 Prozentpunkte auf +8 Prozentpunkte, bei der Ertragssituation in sechs Monaten von +22 auf +1. Unterm Strich gibt es damit zwar immer noch etwas mehr Unternehmen, die mit einer positiven statt mit einer negativen Entwicklung rechnen – im Vorquartal waren die befragten Betriebe jedoch optimistischer. „Gründe für die deutlich schlechteren Ertragserwartungen liegen mitunter in den stark gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten“, so Salzer.

Wir müssen mehr Realismus in die Klimaschutzdebatte bringen

Zudem seien die Unternehmen aufgrund aktueller politischer Diskussionen verunsichert. „Wir müssen mehr Realismus in die Klimaschutzdebatte bringen. Der Klimawandel ist ein globales Problem, das wir nicht hier lokal lösen können. Es bringt nichts, wenn heimische Industriebetriebe wegen erhöhter Umweltauflagen abwandern müssen und die Produkte dann aus anderen Regionen mit höheren Emissionen zu uns kommen. Das ist eine Loose-Loose Situation. Durch innovative und klimaschonende Lösungen aus der heimischen Industrie wollen wir aber zu einer Win-Win-Situation gelangen“, so Salzer.

Kritisch sieht der IV-NÖ-Präsident zudem die aktuelle Diskussion um den Baustopp des Lobau-Tunnels für die Außenringschnellstraße S1: „Wir werden weiterhin Straßen für den Individualverkehr und den Warenverkehr brauchen, und auch emissionsfreie Fahrzeuge brauchen Verkehrsrouten. Der Verkehr wird durch den Baustopp auch nicht weniger, sondern verlagert sich auf kleinere Straßen“, so Salzer, der zudem mehr Planungs- und Rechtssicherheit fordert, denn: „Das gesamte Genehmigungsverfahren für den Lobau-Tunnel hat bislang 147 Monate statt wie ursprünglich angekündigt 18 Monate gedauert.“ Der Stopp bereits angekündigter Infrastruktur-Projekte habe zudem verheerende Folgen auf das Wirtschaftswachstum und den Arbeitsmarkt. „Klimaschutz und Infrastrukturprojekte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es steht außer Frage, dass Emissionen reduziert werden müssen – aber bitte durch neue Technologien und Innovationen und nicht durch den Stopp dringend benötigter Infrastrukturprojekte“, so Salzer.

Mehrheit der Betriebe rechnet mit höherem Beschäftigtenstand

Trotz der bestehenden Unsicherheiten hat sich die Situation am Arbeitsmarkt gebessert: Mehr als die Hälfte (59%) der befragten Unternehmen rechnet mit einem höheren Beschäftigtenstand in drei Monaten. Weitere 38 Prozent rechnen mit einem gleichbleibenden und nur drei Prozent mit einem sinkenden Beschäftigtenstand in den nächsten drei Monaten – unterm Strich stieg der Bewertungssaldo damit deutlich von +17 Prozentpunkte im Vorquartal auf +56.

„Im Vergleich zur Gastronomie und den persönlichen Dienstleistungen haben sich die Arbeitsplätze in der Industrie als krisensicher erwiesen. Die Betriebe haben auch im Lockdown weiterproduziert und Fachkräfte werden weiterhin gesucht“, resümiert Salzer. Obwohl aufgrund der Coronakrise aktuell immer noch überdurchschnittlich viele Menschen auf Arbeitssuche sind, ist die Fachkräftesuche für die Industrie nach wie vor herausfordernd. „Gesucht werden vor allem Fachkräfte mit einer abgeschlossenen technischen Lehrausbildung, einem HTL-Abschluss sowie Absolventinnen und Absolventen eines technischen Studiums. Viele Arbeitssuchende müssen sich daher zunächst umschulen lassen oder Zusatzqualifikationen erwerben und das braucht natürlich Zeit“, so Salzer.

Positive Entwicklungen bei den Auslandsaufträgen

Stark verbessert haben sich ebenso die Einschätzungen zu den aktuellen Auslandsaufträgen: Hier stieg der Saldo von +32 im Vorquartal auf +71 Prozentpunkte. Mehr als drei Viertel (76%) aller befragten Betriebe bezeichnen ihre aktuellen Auslandsaufträge als „gut“, nur noch fünf Prozent als „zu niedrig“.

Laut IV-NÖ-Präsident Salzer ist das auch darauf zurückzuführen, dass Geschäftsreisen zumindest in Nahmärkte wieder leichter möglich sind. „Im Frühjahr haben wir zu Recht gefordert, dass vielreisende Schlüsselkräfte möglichst rasch zu einer Impfung kommen müssen. Geschäftsreisen sind in der Industrie manchmal unabkömmlich – vor allem, wenn es um große Aufträge geht“, so Salzer. Gleichzeitig hätten die Unternehmen aber auch ihre digitalen Vertriebswege ausgebaut und dank neuer, technischer Lösungen sogar Remote-Wartungen bei den Anlagen und Maschinen im Ausland durchgeführt. „Diese Entwicklungen sowie auch die Aufbruchstimmung, die nun zum Teil wieder herrscht, haben dazu geführt, dass sich die Auslandsaufträge wieder gebessert haben“; so Salzer.

Die Einschätzung zu den Verkaufspreisen in den nächsten drei Monaten haben sich einmal mehr deutlich verbessert: 63 Prozent der befragten Betriebe gehen von steigenden Verkaufspreisen aus, und nur noch vier Prozent von fallenden Verkaufspreisen. Der Rest (33%) rechnet mit gleichbleibenden Verkaufspreisen – unterm Strich stieg hier der Bewertungssaldo von +22 auf +59 Prozentpunkte.

„Grund dafür sind nach wie vor die starke globale Nachfrage nach bestimmten Industrieprodukten wie Halbleitern oder Baustoffen. Außerdem sehen sich viele Industriebetriebe gezwungen, die aktuell sehr hohen Rohstoffpreise nach der Verarbeitung weiterzugeben“, so Salzer.

Nahezu gleich geblieben sind die Einschätzungen der Betriebe zur Produktionstätigkeit in drei Monaten: Hier sank der Bewertungssaldo von +34 im ersten Quartal 2021 nur leicht auf nunmehr +33 Prozentpunkten. Bei den Einschätzungen zur Produktionskapazität in drei Monaten stieg der Bewertungssaldo hingegen von +30 auf +39 Prozentpunkte. Etwas mehr als die Hälfte (53%) der Betriebe geht von einer gleichbleibenden Produktionskapazität in drei Monaten aus, 43 Prozent rechnen mit einer steigenden Produktionskapazität und nur vier Prozent mit einer sinkenden Kapazität. 

Der Bewertungssaldo bei der aktuellen Geschäftslage ist seit dem ersten Quartal von +43 auf +56 Prozentpunkte gestiegen und damit einmal mehr im deutlich positiven Bereich. Nur noch zehn Prozent der befragten Betriebe verzeichnen aktuell eine schlechte Geschäftslage, während 67 Prozent ihre Geschäftslage als gut und 23 Prozent als befriedigend beurteilen.

Bei der Einschätzung des aktuellen Auftragsstands stieg der Saldo kräftig von +27 Prozentpunkten auf +73. Gebessert hat sich auch die derzeitige Ertragssituation: Hier stiegt der Bewertungssaldo von +25 Prozentpunkten im Vorquartal auf nunmehr +38 Prozentpunkte.


Die Zahlenreihen und Grafiken finden Sie hier zum Download. 

Befragungsmethode der NÖ-Konjunkturumfrage: Bei der Befragung, die die IV-NÖ quartalsweise in Auftrag gibt, haben dieses Mal 35 Unternehmen mit insgesamt 15.272 Beschäftigten teilgenommen. Der Befragungszeitraum umfasste den 10. Juni bis 5. Juli 2021. Das Konjunkturbarometer ist der Mittelwert aus der Beurteilung der gegenwärtigen und zukünftigen Geschäftsentwicklung bei den befragten Unternehmen. Bei den Detailergebnissen der Konjunkturumfrage der IV kommt die folgende Methode zur Anwendung: Den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, danach wird der konjunktursensible „Saldo“ aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet. Diese Werte werden auch für die grafische Darstellung der Ergebnisse herangezogen.